Die Rechnung an einem echten Fall
Ein Kompaktwagen von 2011 mit 119.010 Kilometern, Heckschaden. Die Instandsetzung hätte 5.360,39 € gekostet, das Fahrzeug war 3.950 € wert. Das sind 136 % Wiederherstellungsaufwand, also deutlich über der Grenze. Der Restwert lag bei 1.050 €, ausgezahlt wurden 2.900 €.
Dazu kam der Nutzungsausfall: 35 € am Tag über eine Wiederbeschaffungsdauer von 12 bis 14 Kalendertagen, also 420 bis 490 €. Wer das nicht mitfordert, verschenkt bei einem Totalschaden regelmäßig einen dreistelligen Betrag.
Der Gegenfall zeigt, worauf es ankommt: Ein Golf, ebenfalls Baujahr 2011, aber mit 250.333 Kilometern, kam auf 65 % Aufwand und war damit klar reparabel. Die Grenze hängt nicht am Alter, sondern am Verhältnis von Reparatur zu Marktwert.
Warum der Restwert die Stellschraube ist
Der Restwert ist der Preis, den jemand für das Auto zahlt, so wie es nach dem Unfall dasteht. Er geht von der Auszahlung ab. Jeder Euro mehr beim Restwert ist ein Euro weniger für dich.
Deshalb liegen nach einem Totalschaden plötzlich überraschend hohe Gebote auf dem Tisch, eingeholt über bundesweite Restwertbörsen. Der Aufkäufer sitzt dann irgendwo zwischen Flensburg und Passau. Ob dein Auto dorthin überhaupt kommt, steht in der Rechnung nicht mehr.
Wir fragen im regionalen Markt, also bei Betrieben, die den Wagen auch wirklich abholen. Nur diesen Preis kannst du realisieren, und nur der zählt. Ein Gebot vom anderen Ende der Republik, das du nicht annehmen kannst, trägt keinen Abzug.
Die 130-Prozent-Regel
Liegt die Reparatur bis zu 30 % über dem Wiederbeschaffungswert, darfst du trotzdem reparieren lassen und die vollen Kosten verlangen. Daran hängen zwei Bedingungen: fachgerecht und vollständig nach Gutachten, und du musst das Auto danach noch mindestens sechs Monate weiterfahren.
- Bis 100 %
- Normale Reparatur, abgerechnet nach Gutachten oder nach Werkstattrechnung.
- Bis 130 %
- Reparatur möglich, wenn vollständig nach Gutachten repariert und sechs Monate weitergenutzt wird. Ohne beides bleibt es bei der Totalschadenabrechnung.
- Über 130 %
- Abrechnung über Wiederbeschaffungswert minus Restwert. Der Fall auf dieser Seite lag mit 136 % knapp darüber.
- Achtung bei Teilreparatur
- Wer im 130-Prozent-Bereich nur teilweise instand setzt, verliert die vollen Reparaturkosten und bekommt am Ende die Totalschadenabrechnung.
Was du nicht tun solltest
Verkauf das Auto nicht, bevor der Restwert feststeht und die Gegenseite Bescheid weiß. Verkaufst du unter Wert, bleibst du auf der Differenz sitzen. Und verkaufst du, bevor die Versicherung ein eigenes Gebot vorlegen konnte, kürzt sie regelmäßig.
Nimm auch nicht das erste Gebot an, das jemand am Telefon nennt. Die Gegenprobe kostet einen Tag, und in unseren Akten liegen zwischen erstem Angebot und regionaler Ermittlung regelmäßig mehrere hundert Euro.
2.900 €
3.950 € Fahrzeugwert abzüglich 1.050 € Restwert, aus einer echten Akte
136 %
Wiederherstellungsaufwand in diesem Fall, damit über der 130-Prozent-Grenze
420 bis 490 €
Nutzungsausfall obendrauf, 35 € über 12 bis 14 Kalendertage
Häufige Fragen
Muss ich das Angebot der Restwertbörse annehmen?
Nein. Es zählt, was du auf dem Markt erzielen kannst, der dir offensteht. Ein Gebot, an dem Transportkosten und Abholrisiko hängen, musst du dir nicht anrechnen lassen.
Bekomme ich beim Totalschaden die Umsatzsteuer?
Nur, wenn sie wirklich anfällt: Du kaufst ein Ersatzfahrzeug regelbesteuert und die Steuer steht in der Rechnung. Kaufst du von privat oder differenzbesteuert, bleibt es beim Nettobetrag.
Wie lange darf die Wiederbeschaffung dauern?
Das Gutachten nennt eine Dauer, im Fall auf dieser Seite 12 bis 14 Kalendertage. Auf dieser Zeit baut der Nutzungsausfall auf. Findest du schneller etwas, verkürzt sich der Zeitraum entsprechend.